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Der Herr der Ringbahn I: Die Gefährte

Sonntag, 13. September 2009 Jede Stadt die was auf sich hält hat ihre Katastrophen. Tokyo die Erdbeben, Athen die Flammen, Los Angeles Arnold Schwarzenegger und Berlin die S-Bahn. Nachdem im Sommer das Schlimmste verhindert wurde, hat der Herr der Ringbahn den Turm nun endgültig zum Einstürzen gebracht und unter den Trümmern kriechen hier und da noch ca. ein Viertel der S-Bahnen über den Ring. Was für Landeier Alltag ist, ist für den gemeinen Berliner ein Alptraum. Mal abgesehen davon, dass zweistellige Wartezeiten auf der Anzeigentafel vor 22 Uhr wie ein schlechter Witz aussehen, lohnt sich das Warten an einigen Haltestellen garnicht mehr, weil nichts kommt, und so mancher nichtsahnender Neuberliner oder Tourist fährt in so ein Nichts oder findet sich am Ostkreuz wieder, das man liebevoll und zu Recht das "Rattenlabor" nennt. Ich kam letzten Freitag in den Genuss, als ich mit meinen Mitschülern im Knaack im Friedrichshain beim Karaoke-Slam meinen Geburtstag nachträglich besingen wollte. Da wir um 22 Uhr verabredet waren, bin ich pünktlich um 22 Uhr los gefahren. Ich dachte mir ja nichts dabei, zehn und halb elf sollten an einem Freitagabend ja wohl bitte das gleiche sein, und ich glaubte, dass sich das S-Bahndebakel nur auf die Linien durch die Innenstadt, die komplett dicht sind, beschränkt. Is aber nicht. Ich kam genau bis zum Treptower Park, wo es mit einem unschuldigen Gleiswechsel anfing. Das war noch zu verkraften. Einige Stationen weiter, am besagten Ostkreuz, oder wie ich es nenne: "Lostkreuz" war dann erst mal richtig Sense. Dem Menschenschwarm zu folgen brachte dann auch nichts mehr, denn alle waren genauso orientierungslos. Warum sich auch vorher immitieren? Immerhin wird dieser "schwarze TAG für Berlin und die S-Bahn", wie die DB- Cheftetage eingestand, mindestens 3 Monate andauern, wir haben also genug Zeit uns mit dem effektiven Notfallfahrplan anzufreunden. So wie das Ostkreuz zurzeit aussieht, stelle ich mir Berlin vor, wenn das 28-Days-Later-Virus ausbrechen sollte und die Überlebenden evakuiert werden: Weiße Blechwände leiten die Massen im Zickzack auf und über der Erde- ganz ehrlich- irgendwo hin. Nach einigen zwielichtigen Ecken in der Dunkelheit nahm ich mir vor, mich an den bunten Lichtern zu orientieren und sah dann bald die rettenden Neonorangenen Jacken der S- Bahnhelfer. Die armen Schweine müssen die ganze Nacht an den Stationen stehen und wütende Rumänen, verängstigte Japaner und zugezogene Berliner, die sich ihre planlosigkeit nicht anmerken lassen wollen zum nächsten Pendelverkehr lotsen. Der fährt dann etwa 10 Minuten eine Strecke, die man durch simples überqueren der Straße in ca. 4 erledigt hätte, aber Menschenmassen auf den Hauptverkehrsstraßen ist scheinbar das letzte, was Berlins Infrastruktur jetzt brauch. Irgendwann so gegen 12, als der Eintritt teurer geworden ist, kam ich dann auch endlich im Knaack an. Das Knaack ist ein alternativer Schuppen, was man aus 500 Metern Entfernung schon an den Szenetypischen Farben Schwarz und Rot erkennt und damit meine ich nicht das Leuchtschild, sondern den ganzen Club. 500 Meter Entfernung ist natürlich übertrieben, denn in 500 Metern Entfernung davon steht bereits der Alex. Man kann vom Fernsehturm quasi auf das Knaack runterpinkeln und diese Information hätte mir zwei Stunden eher ca. anderthalb Stunden S-Bahn-Qualen erspart. Nachdem ich also meine bereits betrunkenen Kommilitonen gefunden hatte, stellte ich fest, dass Karaoke-Abende überall gleich sind: Warten auf seine Selbstinszenierung. Daher begaben wir uns relativ schnell zur Trashpop-Party im Raum nebenan, wo ich allerdings beschämt feststellen musste, dass das, was in Berlin als "Trash" gilt munter meinen iPod rauf und runter läuft...

2.11.09 22:03

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